Mehr als eine Geschichte

 

Errichtet wurde die Spinnerei Klarenbrunn von 1884 bis 1886. Damit war sie der dritte Standort des Unternehmens Getzner, Mutter & Cie im Raum Bludenz. Durch den Kontakt der Unternehmer nach England – dem Mutterland der Textilindustrie – erstellte der Ingenieur John Felber einen Vorentwurf für die Spinnerei Klarenbrunn. Dieser Entwurf wurde durch den in Bludenz tätigen Baumeister Ignaz Wolf (1850–1912), in Abstimmung mit den Unternehmern, abgeändert. Im Jahr 1886, der Inbetriebnahme der Fabrik, drehten sich etwa 22.000 Spindeln und es waren etwa 200 Mitarbeiter in den verschiedensten Tätigkeiten angestellt. Nicht nur die Architektur der Fabrik war beeindruckend, wie der Bludenzer Anzeiger damals berichtete:

 

 „Geradezu eine Sehenswürdigkeit ist die nun im Rohbau nahezu fertige neue Fabrik im Unterfeld mit ihrer in Vorarlberg einzig dastehenden Kanalanlage. Der Kanal hat eine ungefähre Länge von 1.500 Metern und erreicht am Ausfluß im Turbinenhaus die Höhe eines ordentlichen Hauses. Das Fabriksgebäude selbst ist wirklich hübsch und geschmackvoll gebaut und macht von der Arlbergbahn aus gesehen mehr den Eindruck einer riesigen Villa, als den einer Industrieanlage.“ Bludenzer Anzeiger am 11. April 1885, S. 5 

 

Die für den Antrieb der Maschinen nötige Energie lieferten zwei große Turbinen, eine dritte belieferte die Werkstätten (Schlosserei, Schreinerei). Zudem installierte man eine kleine Dynamomaschine, welche die gesamte Fabrik mit elektrischem Licht versorgte – als eine der ersten in der ganzen österreichisch-ungarischen Monarchie.

 

 



1884 – 1900

 

1884 – 1886: Die gesamte Fabrikanlage mit Wasserkanal und Wasserschloss, Direktoren- und Arbeiterwohnhäuser wurden erbaut. 1895: Anbau an das Hauptgebäude (nordwestliche Querseite,Anbau unterkellert). 1890: Neubau des Baumwollmagazin an der Ill, 1967 abgerissen

 

 

1900 – 1950

 

1910: Hochwasserkatastrophe, Große Schäden, besonders Baumwollmagazin am Illufer. 1. Weltkrieg: Temporäre Stilllegung der Produktion wegen Materialknappheit.  1929: Aufstockung der Putzerei/Mischerei. 1934:Anbau an den Anbau von 1895 Versandraum mit Verladerampe. 1939 – 1941: Aufbau bei Hauptgebäude. Einbau der Klimaanlage. 2. Weltkrieg: teilweise Stilllegung der Produktion, Umstellung/Verarbeitung von anderen Materialien. 1949: Umbau 

von Putzerei/Mischerei (KG/EG Umgestaltung, Stiegenhaus nach außen, Lift und Verladerampe neu)

 

 1950 – 2000

 

 1959: Neubau im Zwischenbereich von Hauptgebäude und Putzerei/Mischerei (Materialprüfung). 1963: Vermauern der Fenster an der Nordwest- und Südwestfassade (starke Sonneneinstrahlung). 1968 – 1969: Neubau Lagerhalle (Baumwoll-Ballenlager, Abriss Baumwollmagazin von 1890. 1981: Neubau Klimaanlage (STB-Anbau an südwestliche Längsseite des Hauptgebäudes, Trapezblechfassade). 1983: Neubau Lastenlift an der südwestlichen Längsfassade von Hauptgebäude mit Nebenraum. 1992: Verkauf der gesamten Fabrik an das Unternehmen Linz Textil

 

2000 – 2016

 

2002: Unterschutzstellung von Fabrik Klarenbrunn durch das Bundes-denkmalamt (mit Wasserkanalanlage und Wasserschloss sowie Direktoren- und Arbeiterwohnhäuser). 2015: Betriebsniederlegung im Sommer. 2016: Verkauf an Christian Leidinger (Wasserkanalanlage und Wasserschloss sowie Kraftzentrale im Besitz von Getzner, Mutter & Cie bzw. Getzner Textil)



Alles nur Fassade

 

 

Die im englischen Stil errichtete Spinnerei Klarenbrunn ist mit ihrer Sichtmauerwerkfassade eine Ausnahme in der Industrielandschaft in Vorarlberg, wo der traditionelle Baustil der Massivbauweise mit Putzfassade vorherrschend war. Durch diese Bauweise konnte der Fabrikant oder Unternehmer seine erarbeitete Position und Macht in der Gesellschaft demonstrieren und sich dem Adel gleichstellen. Das zweigeschoßige Gebäude erstreckt sich mit etwa 110 Metern Länge parallel entlang der Klarenbrunnstraße. Die massiven Außenwände bestehen aus Ziegelmauerwerk, welches an der Fassade unverputzt ist.

 

Die Fassade ist durch Lisenen (Mauerblenden) vertikal unterteilt und entspricht den Abständen der inneren Säulenkonstruktion. An den Gebäudeecken ist zur Betonung dieser ein abgestufter Pfeiler ausgebildet. Am Übergang der Lisenen zum vorgezogenen Natursteinsockel, der ins Fundament übergeht, ist eine Verblendung aus Sandstein ausgebildet. Zwischen den Feldern befinden sich großzügige Segmentbogenfenster, welche den tiefen Raum ausreichend belichten. Eine horizontale Unterteilung erfolgt durch das umlaufende, durch die Lisenen unterbrochene Fenstersims aus Sandstein. Am Übergang zum Dach besteht ein Vorzug des Mauerwerks und zusätzlich befinden sich zwischen den einzelnen Feldern vertikal abgestufte Ziegelsteine („zinnenartig“). Weiters finden sich hier im Vordachbereich vorgeblendete Sparrenköpfe.